Wege aus dem Schmerz: Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfall und die Chancen moderner Diagnostik & Therapie
Ein Interview mit Dr. Helmut Maier, Facharzt für Neurochirurgie
Ein Bandscheibenvorfall kann in der Anfangsphase meist einen zentralen Rückenschmerz verursachen. Klassische Symptome eines akuten Bandscheibenvorfalls sind aber nicht nur Rückenschmerzen, sondern auch einseitige Beinschmerzen, sogenannte Ischiasschmerzen. Wenn der Vorfall, also die ausgewölbte Bandscheibe, zusätzlich auf einen Nerv drückt, kommen Taubheitsgefühl, Kribbeln, Missempfindungen im Bein oder auch Lähmungen bzw. Schwäche, wie z.B. eine Fußheber- oder Fußsenkerschwäche, dazu. Betroffene können dann nicht mehr auf den Fersen bzw. Zehenspitzen stehen oder knicken beim Gehen ein, was auf eine Quadrizeps-Schwäche hinweist.
Solange keine Lähmungserscheinungen vorhanden sind, gehen Betroffene meist zunächst zum Hausarzt, wo in der Regel eine konservative Therapie mit Schmerztabletten, Schmerzinfusionen und begleitender Physiotherapie eingeleitet wird.
Wenn jedoch neurologische Defizite, wie z.B. ein massives Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen mit Schwäche/Kraftverlust auftauchen, ist es sehr wichtig, dass man rasch eine:n Spezialist:in aufsucht, der:die dann meist eine bildgebende Untersuchung veranlassen wird.
Je nachdem, wie ausgeprägt die Lähmungserscheinung ist und welche Muskeln betroffen sind, muss man unter Umständen bereits im Anfangsstadium schon an eine Operation denken.
Es gibt klassischen Indikationen, bei denen operiert werden muss:
- Sehr selten ist der sogenannte Massenprolaps: Er geht mit einem Taubheitsgefühl im Reithosenbereich bzw. Schambereich einher, und Betroffene haben Stuhl- und/oder Harnverlust. Das sind echte Notfälle und müssen sofort operiert werden.
- Bandscheibenvorfälle, die hochgradige Lähmungserscheinungen verursachen. Auch hier sollte man rasch operieren, weil die Lähmungen Ausdruck einer massiven Nervenschädigung sind.
Natürlich! Wenn keine neurologischen Defizite vorliegen, ist es absolut sinnvoll, den Bandscheibenvorfall konservativ zu behandeln. Neben Schmerztherapie und Physiotherapie bietet es sich an, Infiltrationen zu machen. Wichtig ist zu erwähnen, dass die konservative Therapie keine Ursachenbehandlung, sondern einen Symptombehandlung darstellt.
Bei einem Bandscheibenvorfall tritt weiches Gewebe aus der Bandscheibe aus. In den meisten Fällen schrumpft die Bandscheibe mit der Zeit wieder und der Vorfall bildet sich zurück. Diese Zeit versucht man für den Patienten möglichst schmerzgelindert zu überbrücken.
Primär versucht man immer, Operationen zu vermeiden.
Wenn Patient:innen über Wochen Physiotherapie, Schmerztabletten, Infusionen oder auch röntgen- oder CT-gezielte Infiltrationen bekommen und nicht darauf ansprechen, kann man minimal-invasive Maßnahmen in Erwägung ziehen. Sehr gute Erfahrungen mache ich mit der sogenannten Nukleoplastie: Während sich der:die Patient:in im Dämmerschlaf befindet, wird unter Röntgenkontrolle über eine Hohlnadel eine feine Sonde exakt in die Bandscheibe eingebracht. Mittels Radiofrequenz wird der Vorfall geschrumpft, wodurch es zu einer spürbaren Druckentlastung kommt. Der Eingriff selbst ist schmerzfrei und der:die Patient:in kann in der Regel bereits am nächsten Tag die Klinik mit deutlich besserer Lebensqualität verlassen.
Wenn auch das nicht zum Ziel der Schmerzlinderung führt, muss man eine Operation in Erwägung ziehen.
Der klassische Bandscheibenvorfall wird mikrochirurgisch oder auch endoskopisch operiert. Über einen kleinen Schnitt wird jenerTeil der Bandscheibe, der vorgefallen ist und auf den Nerv drückt, entfernt. Und das ist das Effizienteste, weil natürlich damit auch die Ursache behandelt wird und der Nerv ab dem Zeitpunkt frei ist.
Eine Bandscheibe, die einen Vorfall produziert hat, ist irreversibel geschädigt. Die Therapie zielt darauf ab, dass man das Symptom des Schmerzes in den Griff bekommt – sei es mit konservativen oder operativen Methoden. Eine Heilung der Bandscheibe selbst gibt es also nicht.
Darum ist es auch so wichtig, dass in weiterer Folge Maßnahmen ergriffen werden, die die Wirbelsäule stärken und stabilisieren, um einem weiteren Vorfall vorzubeugen.
In den meisten Fällen, konkret in rund 90%, kommt der Vorfall nach einer OP nicht mehr wieder. Aber bei etwa 10% der Betroffenen kann es im Laufe des Lebens erneut zu einem Vorfall kommen.
Die Operation zielt darauf ab, den:die Patient:in im Idealfall schmerzfrei zu machen. Der Bandscheibenschaden ist und bleibt aber bestehen. Die Operation ist also keine Garantie, dass der Vorfall nicht wiederkehrt.
Entscheidend ist, dass der:die Patient:in nach der OP aktives Gesundheitsbewusstsein entwickelt und lebt. Bewegung, Kräftigung, Stressmanagement und Ernährung – all das soll ineinandergreifen, um künftige Vorfälle zu vermeiden.
Denn wenn der Vorfall immer wieder auftritt, muss man unter Umständen auch andere operative Maßnahmen, wie eine Stabilisierung, in Erwägung ziehen. Das sind dann vergleichsweise große, invasive Operationen.
Nein. Wenn aber trotz Therapie die Schmerzen nach Wochen nicht besser werden oder wenn neurologische Defizite, also Kribbeln, Lähmungen oder Ausfälle auftreten, macht es natürlich Sinn, eine bildgebende Untersuchung zu machen. Hier ist übrigens das Röntgen, das häufig verordnet wird, nicht aussagekräftig. Es sollte zumindest ein CT (Computertomografie), besser noch ein MRT (Magnetresonanztomografie) durchgeführt werden.
Ein MRT der Lenden- oder Halswirbelsäule ist dann „beweisend“ und dann muss man sich individuell mit der:dem Patientin:Patienten besprechen, in welche Therapie-Richtung er:sie gehen möchte.
In den meisten Fällen ist der Schmerz unmittelbar nach dem Aufwachen aus der Narkose deutlich reduziert oder sogar vollständig weg, da der Druck auf den Nerv behoben wurde. Restschmerzen sind meist auf eine Entzündung des Nervs zurückzuführen. Je länger der Schmerz im Vorfeld bestanden hat und je entzündeter der Nerv ist, desto länger braucht der Nerv natürlich, um sich zu erholen.
Jeder Nerv hat verschiedene Qualitäten von Fasern: Schmerz, Temperaturempfinden, Gefühl, Motorik, Vibrationsempfinden und Propriozeption. Die Schmerzfasern erholen sich am raschesten, das heißt, der Schmerz lässt meist rasch deutlich nach. Etwas verzögert folgt die Motorik, die sich aber in de Regel ebenfalls gut erholt - außer, der Nerv wurde massiv geschädigt. Das Symptom der Taubheit hält in der Regel am längsten an, und es kann auch sein, dass ein Teil der Taubheit bestehen bleibt, wenn zuvor ein massives Taubheitsgefühl bestanden hat. Damit können die Betroffenen aber meist gut leben.
Für den Neurochirurgen ist die Wiederherstellung der Motorik das zentrale Kriterium.
Nach einer Bandscheiben-Operation versuchen wir, die Patient:innen so rasch wie möglich zu mobilisieren. Das heißt, wenn man in der Früh operiert wurde, steht man zu Mittag bereits auf. Länger im Bett zu liegen, ist nicht sinnvoll. Am nächsten Tag beginnt man bereits mit der Physiotherapie.
Generell sind nach der OP vier Wochen körperliche Schonung empfohlen: Patient:innen dürfen sich ganz normal bewegen, sollten jedoch keine schweren Lasten heben. Wichtig ist zudem ein sorgfältiger Umgang mit der Wunde, das heißt: keine Saunabesuche, kein Vollbad und nicht schwimmen gehen. Nach zehn bis vierzehn Tagen werden die Fäden entfernt, nach insgesamt vier Wochen können die Patient:innen eigentlich alles wieder uneingeschränkt machen. Entscheidend ist, gemeinsam mit Expert:innen für Physiotherapie zu besprechen, was dem Rücken gut tut und was besser vermieden werden sollte.
Ja, das kommt vor. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass mehrere Vorfälle zum gleichen Zeitpunkt Beschwerden verursachen. Behandelt wird natürlich immer nur das, was tatsächlich Probleme verursacht. Das heißt, man behandelt nicht alles, was man im MRT als „Schaden“ sichtbar ist. Ich behandle keine Bilder, sondern den Menschen mit seiner aktuellen Problemlage. In der Diagnostik ist es daher entscheidend, herauszufinden, welcher Bandscheibenvorfall gerade Beschwerden verursacht. Operiert wird dann natürlich nur jener Vorfall, der dem:der Patient:in Beschwerden verursacht.
In der Halswirbelsäule gibt es einen wesentlichen Unterschied zur Lendenwirbelsäule: das Rückenmark. Es verläuft von der Schädelbasis bis zum Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule. In der Lendenwirbelsäule hingegen gibt es kein Rückenmark.
Wenn nun große Vorfälle in der Halswirbelsäule auf das Rückenmark drücken, kann dies im schlimmsten Fall bis zu einer Querschnittslähmung führen.
Aus diesem Grund müssen Vorfälle der Halswirbelsäule großzügiger und rascher abgeklärt werden. Besteht ein Druck auf das Rückenmark, sollte die Operationsindikation entsprechend großzügig gestellt werden. Denn wenn der:die Patient:in mit einem solchen Vorfall beispielsweiseausrutscht oder einen leichten Auffahrunfall mit Schleudertrauma erleidet, kann das tatsächlich bis zu einer Querschnittlähmung führen.
Bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule muss die gesamte Bandscheibe entfernt werden, damit das Rückenmark wieder genug Platz hat. Anschließend wird anstelle der Bandscheibe ein Implantat eingesetzt und stabilisiert. Das hat natürlich Einfluss auf die Biomechanik der Wirbelsäule.
Auch hier ist meine Philosophie: Weniger ist mehr. Nicht alles operieren, was man sieht, sondern das operieren, was für die Beschwerden verantwortlich ist.
Je mehr man operiert und stabilisiert, desto stärker werden die benachbarten Segmente belastet.
Ich versuche generell, Operationen wann immer es geht zu vermeiden bzw. notwendige Eingriffe so gering wie möglich zu gestalten.
Von fünf Patient:innen haben vier einen Vorfall in der Lendenwirbelsäule und eine:r in der Halswirbelsäule. Ich beobachte jedoch, dass Probleme der Halswirbelsäule zunehmend häufiger werden, was klar mit dem heutigen Lifestyle zusammenhängt. Vor allem Bildschirmarbeit, wenig Bewegung und der ständige Blick nach unten aufs Handy führen zu einer Streckfehlhaltung. Besonders betroffen sind immer öfter junge Menschen.
Die Wirbelsäule ist definitiv ein Stressorgan – das wissen wir. Wer dauerhaft unter Stress steht, ob beruflich oder privat, verspannt vor allem die Rückenmuskulatur. Muskelverspannungen führen zu einer schlechten Körperhaltung und diese wiederum zu einer Überlastung der Bandscheiben. Kurz gesagt: Stress begünstigt Rückenprobleme. Und wenn Schmerzen auftreten, sagt uns die Wirbelsäule gewissermaßen: „Geh bitte runter vom Gas“.
Neben Stress spielen natürlich auch Über- und Fehlbelastung, falsche oder unzureichende Bewegung, genetische Faktoren sowie Ernährung eine zentrale Rolle.
Meine Devise lautet: So minimal-invasiv wie möglich. Dementsprechend gehören minimal-invasive Eingriffe, wie röntgengezielte Nerven- und Gelenksblockaden, Nukleoplastien, Schmerzfaserverödungen sowie minimal-invasive Bandscheibenoperationen in Knopflochtechnik zu den häufigsten Eingriffen, die ich durchführe.
Beim Bandscheibenvorfall ist die Nukleoplastie oft eine sehr gute Alternative zur Operation. In vielen Fällen kann eine Operation dadurch sogar vermieden werden – das ist auch das primäre Ziel. Sollte der:die Patient:in nach einer Nukleoplastie mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, kann man immer noch operieren. Es macht einen großen Unterschied, ob man am nächsten Tag wieder voll einsatzfähig ist oder sich nach einer Operation vier Wochen schonen muss. Auch das Risiko einer Infektion ist äußerst gering. Ich hatte bei rund 80 Nukleoplastien pro Jahr bislang noch keine Infektion.
Die häufigste Ursache von Kreuzschmerzen ist übrigens nicht der Bandscheibenvorfall, sondern es sind die Gelenke – also das Iliosakralgelenk (Darm-Kreuzbein-Gelenk) oder die Wirbelgelenke. Facetteninfiltrationen oder Facettendenervierungen sind sehr effizient. Hierbei werden überbelastete, fehlbelastete, entzündete Wirbelgelenke, die häufig altersbedingt aufgrund von Arthrosen entstehen, in Röntgenkontrolle infiltriert und Schmerzfasern gezielt mit Hitze verödet. Diese Eingriffe sind sehr effizient.
Facettengelenksarthrosen sind oft auch eine Folge von Bandscheibenvorfällen: Wenn eine Bandscheibe kaputt wird, wird sie locker. In Folge sind dann die Wirbelgelenke überbelastet. Dann ist die Bandscheibe für den Schmerz verantwortlich obwohl sie selbst gar keine Schmerzfasern besitzt. Die Schmerzfasern befinden sich in den Wirbelgelenken. Genau dort setze ich dann therapeutisch an.
Kreuzschmerz ist meist ein komplexeres Thema. Oft ist es schwierig, herauszufinden, woher genau die Beschwerden kommen. Diagnostisch kann man in so einem Fall infiltrieren und beobachten, ob der Schmerz dadurch abnimmt bzw. ob er wiederkehrt. Bei Kreuzschmerzen denkt man nie primär an eine Operation, sondern setzt zunächst auf konservative Maßnahmen wie Physiotherapie und gezielte Rückenheilgymnastik. Voraussetzung für einen Erfolg ist allerdings, dass der:die Patient:in die Übungen konsequent durchführt. Ergänzend können Infiltrationen der Wirbelgelenke oder Nervenfaserverödungen sinnvoll sein. In vielen Fällen reicht das bereits aus.
Problematisch ist es aus meiner Sicht, wenn bei reinen Kreuzschmerzen direkt geraten wird zu operieren. Dabei handelt es sich meist um Stabilisierungsoperationen, denen ich persönlich skeptisch gegenüberstehe. Meine Erfahrung zeigt, dass nur wenige Patient:innen damit langfristig schmerzfrei und zufrieden sind. Natürlich gibt es klare Indikationen für Stabilisierungsoperationen in der Lendenwirbelsäule – etwa bei Wirbelgleiten mit neurologischen Störungen. Wenn das Gefüge komplett instabil ist oder Frakturen (Brüche) vorliegen, macht eine Stabilisierung selbstverständlich Sinn.
Meine Erfahrung bleibt jedoch: Weniger ist mehr. So minimal-invasiv wie möglich.
Ich sage immer: Früher war ich Operateur – jetzt bin ich Arzt. Eine sorgfältige Diagnostik und sich ausreichend Zeit für die Patienten zu nehmen, sind zentrale Qualitätsfaktoren. Der Faktor Zeit macht letztlich den Unterschied. Es macht mich zufrieden, dass ich diese Zeit meinen Patient:innen wirklich widmen kann. Die Kunst besteht nicht darin, alles zu operieren, was man operieren kann, sondern darin, zu erkennen, welche Behandlung der:die Patient:in zu welchem Zeitpunkt wirklich braucht. Nur weil eine Operation medizinisch sinnvoll erscheint, heißt das nicht, dass sie für den:die Patient:in auch die beste Lösung ist. Ich sehe mich nicht in der Position, einem:r Patient:in etwas einzureden oder auszureden. Außer, es ist Gefahr im Verzug. Mein Anspruch ist es, die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten transparent darzustellen, damit der:die Betroffene eine gute Informationsbasis hat, um zu entscheiden, welchen Weg er:sie einschlagen möchte. Führt die gewählte Maßnahme direkt zum Erfolg, ist das großartig. Wenn nicht, setzen wir gemeinsam den nächsten Schritt auf dem Weg zu einer besseren Lebensqualität.